Ernst Nolte

Dr. phil., em. Professor für Neuere Geschichte

Was ist ein "umstrittener Autor" und wie sollte er sich verhalten?


Jeder Autor im Bereich von Wissenschaft und Publizistik wünscht sich, dass sein Werk Aufmerksamkeit findet und dass sich um ein größeres Buch Auseinandersetzungen entwickeln; in diesem Sinne möchte er sehr gern ein “umstrittener Autor" sein. Aber in Deutschland ist die Bedeutung des Begriffs eine andere: Ein "umstrittener Autor" ist derjenige, der Auffassungen zum Ausdruck gebracht hat, die von anerkannten Hütern der "political correctness" als bedenklich oder gar als gefährlich eingestuft worden sind. Der Begriff ist also eine Art Warnsignal: Man tut gut daran, mit diesem Autor nichts zu tun zu haben und seine Bücher erst gar nicht zu lesen.

Vermutlich gibt es nur wenige so aufschlussreiche Beispiele wie mich. Als im Jahre 1963 mein erstes Buch "Der Faschismus in seiner Epoche" erschien, behauptete nicht ein einziger der zahlreichen Rezensenten, das Buch sei nicht der wissenschaftlichen Literatur zuzuzählen. Zwar fehlte es an Vorbehalten und Kritik nicht ganz, und ein politischer Unterton wurde insofern vernehmbar, als manchmal eingewandt wurde, der Begriff des "Faschismus in seiner Epoche" erschwere den Kampf gegen den gegenwärtigen Faschismus, aber niemand nannte das Buch "umstritten", und die "Neue Rundschau" gelangte sogar zu dem Urteil, der Verfasser habe den militärischen Sieg über die faschistischen Mächte in seinem Buch für die Geschichtswissenschaft wiederholt.

Und über eben diesen Verfasser sagt oder schreibt Marcel Reich-Ranicki, der bekannteste Literaturkritiker Deutschlands, immer wieder - in Festreden, in Artikeln des "Spiegel" und gelegentlich sogar im "Literarischen Quartett" -, es handle sich um einen gefährlichen Apologeten des Nationalsozialismus, der "Wahnsinn mit Methode" verbinde und Juden mit Insekten vergleiche. Offensichtlich gibt er dasjenige, was ich aus Schriften und Reden von Hitler und Goebbels zitiere, für meine eigene Meinung aus, aber den wahren Grund für seine Kampagne ließ er schon vor fünfzehn Jahren in einem Zeitungsinterview erkennen: Am meisten habe ihn im vergangenen Jahr gekränkt, dass Ernst Nolte die Verbrechen des Nationalsozialismus dem Bolschewismus “in die Schuhe geschoben" habe, indem er von einem “kausalen Nexus" zwischen “Gulag" und “Auschwitz" spreche. Reich-Ranicki übersah dabei, dass dieser kausale Nexus für mich nicht etwas “Objektives" darstellte, sondern in den Vorstellungen und Befürchtungen Adolf Hitlers begründet war. Wofür ich tatsächlich verantwortlich war, war die Forderung, dass die grundlegenden Maximen der Geschichts- wissenschaft wie die Herausarbeitung von Zusammenhängen und das Bemühen um das Verstehbarmachen von Motiven auch auf Hitler Anwendung finden müssten und dass man nicht auf die Frage verzichten dürfe, ob Hitlers Behauptungen über den “jüdischen Bolschewismus" trotz ihrer ins Auge springenden Übersteigerung zu seinen wirklichen Überzeugungen gehörten, ja möglicherweise sogar einen “rationalen Kern" gehabt hätten.

Ich verberge mir nicht, dass eine politische Indienstnahme dieser Erwägung möglich ist, aber die Frage nach der Wahrheit darf man in der Wissenschaft nicht derjenigen nach ihrer Gefährlichkeit oder Opportunität unterordnen. Ich bedauere, dass ich die von vielen Menschen und keineswegs nur von Marcel Reich-Ranicki als anstößig empfundene Frage, die sich konsequent aus dem Ansatz meines ersten Buches ergab, nicht erst in dem 1987 publizierten Buch “Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945" artikuliert habe, sondern schon in einem Artikel der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 6. Juni 1986, aber es gab dafür schwerwiegende Gründe. Jedenfalls wurde ich durch diesen Artikel, von dem der emotionalste Teil des so genannten “Historikerstreits" seinen Ausgang nahm, endgültig zum “umstrittenen Autor", dem nach einiger Zeit so gut wie alle Zugänge zu einer größeren Öffentlichkeit versperrt waren. Nach meiner Überzeugung ging es jedoch im Grunde um eine Sache, die als solche nicht einmal “Streit" hervorrufen sollte, nämlich um die Anwendung wissenschaftlicher Postulate auf Bereiche, die als “heikel" gelten, und damit letzten Endes auch um die Frage, ob tatsächlich nur ein totalitäres Regime für die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend war oder ob nicht vielmehr zwei einander feindliche und doch ähnliche Regime, von denen das eine älter und das andere jünger war, mit der gleichen Bemühung um Objektivität zu thematisieren sind.

Wie soll ein solcher “umstrittener Autor", der an einem zentralen Punkt von der herrschenden Meinung abweicht, sich verhalten? Soll er sich in einen Schmollwinkel zurückziehen und darauf vertrauen, dass in einigen Jahrzehnten die einfache Wahrheit sich durchgesetzt haben wird? Er hat neuerdings die Möglichkeit, sich über die Publizierung einzelner Bücher hinaus durch das Internet selbst den Wirkungsraum zu verschaffen, der ihm von der “offiziellen" Öffentlichkeit verweigert wird. Damit wird jedem Interessierten die Gelegenheit gegeben, sich immerhin einen ersten Eindruck von dem Charakter und dem inneren Zusammenhang eines Lebenswerks zu verschaffen, das an das Nachdenken der Einzelnen und nicht an das politische Interesse der vielen Einflussreichen appelliert.